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schottland2010
20:49

Menschen auf Lewis

Was sind das für Menschen, die hier am äußeren Ende Europas den Jahreszeiten trotzen? Nun, natürlich ist das schwierig bis unmöglich, zu beantworten. Natürlich sind Menschen auch dann verschieden, wenn sie an Orten leben, die für uns besonders entfernt erscheinen. Aber dennoch habe ich einige Leute gefragt oder beobachtet, um herauszufinden was sie auf den Inseln antreibt. 
Da wäre ein netter, kauziger Kerl, der in der Jugendherberge in Na Gearannan vorbei kommt, mit Greifvogel auf dem Lederhandschuh. Er unterhält sich mit uns, erzählt, dass der Vogel autistischen und geistig behinderten Kindern hilft. Dass er aber gerne morgen Zeit hat, für 30 Pfund mit uns auf Jagd zu gehen und wir die Beute auch behalten dürfen. Wir lehnen dankend ab und er bemüht sich, noch einen mittelmäßigen Witz nach dem anderen loszuwerden.
Ebenfalls in der Jugendherberge treffen wir auf den derzeitigen Herbergsvater. Er ist, Überraschung, nicht aus Lewis sondern vor fünf Jahren mit seiner Familie aus Leicester hergezogen. Gut, seine Frau ist hier geboren, doch in erster Linie möchte er "Dem Schmutz und der Kriminalität entfliehen". Er spricht von Spritzbesteck im Park und Gewalt, der seine fünf Kinder nicht ausgesetzt sein sollen. Er vergleicht Aufklärungsraten hier wie dort (88 versus 5 Prozent) und scheint sehr glücklich mit seinem neuen Job bei der Küstenwache. Insgesamt macht er einen sehr ausgeglichenen Eindruck, als habe ihn die raue Seeluft milde gestimmt. 
Am zweiten Tag sind wir verabredet mit Christopher, den wir leider nie treffen. Über Couchsurfing.org hatte er uns angeboten, die Insel zu zeigen und mit seiner Filmkamera Naturaufnahmen zu drehen. Mit dieser Kamera ist er auch auf seinem Profilfoto abgebildet: ein professionelles Gerät, Arri oder ähnliches. Er erzählte mir per Mail, dass er sich gerade neue Objektive gekauft habe und die gerne mit uns ausprobieren wolle. Er arbeite immer zwei Wochen auf See und sei dann wieder zwei in Lewis, vermutlich also Arbeiter auf einer Ölplattform. Fragen konnte ich ihn nicht, denn als wir ihn anriefen ging er nicht ran. Spät am Abend meldete er sich aus dem Pub wo er sich den ganzen Tag mit einem Freund betrunken hatte. Auch die nächsten Tage kommt ein Treffen nicht zustande. Mobiltelefon im Pub vergessen, dann Angeln gehen und schließlich sind wir auf der anderen Seite der Insel als er doch mal Zeit hätte. 
Nichts unnormales, erzählt uns unsere Couchsurfing-Gastgeberin Barbara. Ölplattform-Mitarbeiter seien oft so, dass sei nach zwei Wochen auf See zunächst dem Alkohol frönen denn auf den Plattformen herrscht striktes Verbot. Sinnvoller seien darüber hinaus Vier-Wochen-Rhythmen, denn für Familien sei der 14-Tages-Rhythmus es ein großes Problem: Der Vater käme von See, wolle der Mittelpunkt sein und kaum habe die Familie wieder ein geregeltes Leben gefunden fahre er wieder hinaus zur Plattform. 
Bei einem monatlichen Zyklus gäbe es zumindest etwas Normalität im Leben, was enorm wichtig sei. 
Barbara selbst ist 57 und Lehrerin in Stornoway, der Hauptstadt der Insel mit ihren 6500 Einwohnern. Sie ist Deutsche, die vor 27 Jahren ihrem damaligen Mann auf die Insel gefolgt ist. Nun, da sie dort zwei Söhne großgezogen hat, fühlt sie sich zuhause, auch wenn sie seit einiger Zeit wieder geschieden ist. Nachdem der jüngere der Söhne zum Musikstudium nach England gegangen war, begann sie sie zumindest gelegentlich ein wenig Leben ins Haus zu holen, indem sie sich bei couchsurfing.org anmeldete. Inzwischen lebt ihr älterer Sohn wieder für ein paar Monate zuhause. Er ist ein Weltenbummler, der bei einem Neuseeland-Jahr seine Freundin kennen gelernt hat, mit der er demnächst nach Indien aufbrechen möchte. Rosie ist aus Süd-England und verdient ihr Geld nun als Schneiderin von Taschen aus Harris-Tweed, die sie mit zunehmendem Erfolg nicht nur auf der Insel, sondern in Geschenkeläden in ganz Schottland sowie über das Internet los wird. Ihre Designs kann man auch unter http://www.byrosie.co.uk ansehen. Ob sie langfristig hier leben möchte? Ich wage es zu bezweifeln, zu hart ist der Winter, zu wenig ist hier los, auch wenn das Angebot für eine solch kleine Gemeinde enorm ist: Für Outdoor-Sport jeglicher Art, von Surfen über Segeln bis hin zu Kanufahren und Klettern ist Lewis ein Paradies und auch die Musikszene ist nicht zu verachten. Dennoch bleibt der Musiker-Sohn zunächst in Brighton, wo es einfach mehr hübsche Frauen gibt als auf der Insel. 
Weiter geht es nach Harris, wo ich in Tarbert vergebens nach einem kleinen Laden suche. Dort hatte mir vor fünf Jahren eine ältere Frau eine Mütze verkauft. Aus frischer, noch nach Schaf riechender Wolle, gefertigt von "Frau MacLeod aus Scalpay", wie die Besitzerin "Fiona" damals beteuerte. In einem anderen Geschäft nachgefragt erfahre ich, dass Fiona nun wieder auf ihrer Heimat, den Orkneys lebt, wo sie aber immer noch handgefertigte Waren aus örtlicher Produktion verkauft. Schade!
Alles in Allem hat man den Eindruck, hier gehen die Uhren deutlich langsamer. Niemand ist im Streß, niemand ist unfreundlich, aber die Zeit ist hier und dort auch schon seit ein paar Jahren stehen geblieben. Andererseits findet man auch hier Kleinodien, die man sonst nur aus dem Prenzlauer Berg in Berlin kennt: kleine Designer-Manufakturen, die vor allem mit Harris Tweed arbeiten, Latte-Macchiato-Cafes mit selbstgebackenem Kuchen und ein Delikatessen-Laden, der neben teurem, vor Ort geräucherten Lachs allerhand Bio-Süßigkeiten, teure Saucen und hand-geerntete Gewürze führt. Ein Sortiment, das erstaunlich stark mit dem von hippen Feinkostläden in den Großstädten Europas überein stimmt. Man muss also auch auf Lewis kein Leben als Schafzüchter führen, auch wenn die große, weite Welt viele Stunden entfernt ist. 

Don't be the product, buy the product!

Schweinderl